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Die Jungfernhöhle Tiefenellern

Jungfernhöhle Tiefenellern

Sagen und Legenden beruhen häufiger als man denkt auf geschichtlichen Tatsachen. Eines der berühmtesten Beispiele hierfür ist die Entdeckung Trojas durch Heinrich Schliemann, der in einer besonderen Sensibilität den historischen Hintergrund der Dichtungen Homers erspürt hat. Obwohl die Fachwelt zunächst skeptisch reagierte, wurde sie aber durch die Grabungsergebnisse überzeugt.

Bei der Entdeckung der Jungfernhöhle in der Nähe von Tiefenellern lagen keine schriftlichen Hinweise vor.

Das Besondere ist, dass hier lediglich mündliche Überlieferungen über Jahrtausende bis in unsere Zeit weitergegeben wurden.

Schon in vorgeschichtlicher Zeit glaubte der Mensch an überirdische Mächte und hoffte, deren Hilfe zur Bewältigung seiner Existenzprobleme durch Opfergaben und rituelle Handlungen zu gewinnen. Kontakt zu seiner Gottheit suchte er in der Natur vor allem in Höhlen von Flusstälern und Gebirgen, wo die Erde im Fels sich geheimnisvoll öffnet.

Hauptsächlich an diesen Orten wurden Bitt- und Dankopfer dargebracht sowie Jagdzauber beschworen. Wundervolle Malereien der berühmten Bilderhöhlen der letzten Eiszeit in Lascaux und Altamira bezeugen diesen Kult.

Wenn auch in den Höhlen Bayerns - vor allem im Altmühltal und auf dem fränkischen und schwäbischen Jura - keine Felsmalereien entdeckt worden sind, so wissen wir doch aus zahlreichen Funden von steinzeitlichen Waffen, Werkzeugen, Kleinstatuetten und Ritzzeichnungen auf Kalksteinplatten und Mammutelfenbein, dass die Menschen der Frühzeit in unserem Lande ebenfalls Höhlen bewohnt haben.

Stellvertretend für manche andere seien hier genannt: die Klausenhöhlen bei Neuessing im Altmühltal und die Weinberghöhle bei Mauern.

Im Landkreis Bamberg befindet sich eine Höhle, die sicherlich eine Bedeutung besonderer Art gehabt haben muss: die Jungfernhöhle bei Tiefenellern.

Die Reise in die Vergangenheit beginnt im Ellernbachtal östlich der über 1000 Jahre alten Bischofstadt Bamberg, deren Altstadt 1995 zum Weltkulturerbe erklärt wurde.

Am Ende des Ellernbachtales, direkt am Fuß des Jura Plateaus, liegt der Ort Tiefenellern. Am Ortsausgang führt die Ellernbergstraße in Serpentinen zum sogenannten Schlossberg hinauf, zu den „Eulensteinen", die eigentlich „Alte Steine" heißen. Steht man dort oben, geht der Blick weit über das Land bis nach Bamberg.

Hinter den „Eulensteinen" befindet sich ein Waldgebiet, das sogenannte Hofbauernholz.

Dort führt ein unscheinbarer Waldweg zu einer Lichtung mit den Resten einer mittelalterlichen Wallanlage, die wohl spätestens im 11. Jahrhundert entstanden sein dürfte.

Die Wissenschaft deutet diese Anlage mit ihrem einstmals zwingerartigen Hofraum am ehesten als Wachtstation sowie als Unterkunft für die Reisenden, die auf der nahen Durchgangsstraße vorbeigezogen sind.

Geht man den Weg zurück, steht man plötzlich vor einer bizarren Felsgruppe von etwa 30 Metern Länge, 10 Metern Breite und 4 Metern Höhe, die von Nordost nach Südwest verläuft. Auf der linken Seite dieser Felsen befindet sich der dunkle Höhleneingang zur Jungfernhöhle. Sie ist der Rest eines hochgelegenen größeren Höhlensystems auf dem Jura von relativ hohem geologischen Alter.

Der Höhleneingang zur Jungfernhöhle ist eigentlich mehr ein Einschlupf. Er öffnet sich mit 3,5 Metern Breite und 1,25 Metern Höhe genau nach Westen. Einst war über der Öffnung ein heute nicht mehr vorhandenes Felsdach vorgeschoben.

Da es sich um eine Schachthöhle handelt, muss man in sie hinabsteigen. Man findet einen relativ kleinen, feucht-kalten Raum mit bizarren Wänden vor, die wie vom Wetter gebleicht und ausgelaugt wirken. In Urzeiten war die Höhle von Wasser durchströmt, was ihr die Form gegeben hat. Vielfach öffnen sich horizontale Spalten, südöstlich liegt sogar ein kleiner Nebenraum. Überall am Fels sind Sinterspuren zu sehen, gelegentlich hängen Wassertropfen herab.

Ihre wissenschaftliche Entdeckung verdankt die Jungfernhöhle indirekt verschiedenen Sagen, die von alters her in dieser Gegend erzählt werden und von drei Jungfern handeln, die in dieser Höhle einst gewohnt haben sollen.

Merkwürdigerweise besitzen sie dieser Sage nach keine Köpfe, und eine Erzählung berichtet sogar, sie seien dort umgebracht worden.

Ein phantasiebegabter, inzwischen verstorbener Einwohner von Tiefenellern, Georg Engert, genannt „Zimmergörch", vermutete in dieser Höhle einen verborgenen Schatz und führte heimlich mit zwei Verwandten sogenannte „Ausgrabungen" durch. Als sie bereits etwa 8 Kubikmeter Erde aus der Höhle herausgeschaufelt hatten, kamen zufällig im Dezember 1951 die beiden Bamberger Dr. Oskar Kühn und Ingenieur Hermann Hundt auf einer geologischen Wanderung vorbei und entdeckten, dass der Aushub der Jungfernhöhle voll von Keramikscherben und Knochen war.

Die Bamberger Herren stoppten sofort die unerlaubte Wühlarbeit der Schatzgräber und erreichten dadurch, dass es zu einer wissenschaftlichen Grabung in der Jungfernhöhle unter Leitung des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege unter Leitung von Professor Dr. Otto Kunkel kam.

Nach Beendigung dieser Grabung die insgesamt über 100 Kubikmeter Höhlenfüllung ans Tageslicht gefördert hatte, wurde eine Analyse der im Füllmaterial nachgewiesenen Gegenstände vorgenommen.

Auf Grund der Tonscherben ergab sich, dass allein 110 verzierte Gefäße aus der bandkeramischen Epoche der Jungsteinzeit in die Höhle gelangt sein müssen. Es fanden sich aber auch Reste verschiedener Tonwaren aus anderen Abschnitten der Jungsteinzeit.

Auch die auf das Neolithikum folgende Bronzezeit war durch Keramikreste vertreten, desgleichen die Eisenzeit, ja sogar das spätere Mittelalter.

Die Höhlenfüllung bot außerdem noch weitere Überraschungen, wie neben zahlreichen Tierknochen Reste menschlicher Skelette, die nach Untersuchungen insgesamt etwa 38 bis 40 Personen zugerechnet werden müssen, in der Mehrzahl von Kindern und von Jugendlichen.

Eine Sondergruppe aus dem Fundmaterial der Jungfernhöhle sind eigenartige, schlanke Knochenstäbchen, an einem Ende spitz, am anderen mehr spachtelartig geformt. An ihrer Oberfläche, besonders zu den Enden hin, wirken sie wie poliert, offenbar durch Gebrauch bedingt, so scheint es jedenfalls beim Vergleich mit dem übrigen Knochenmaterial aus der Höhle. Ihre Bedeutung hat den Wissenschaftlern manches Rätsel aufgegeben.

Obwohl die Umstände für die Erhaltung des Knochenmaterials in der Jungfernhöhle besonders günstig waren, ist es um so seltsamer, dass fast alle Knochen zerbrochen sind, insbesondere die der Schädel. Befunde dieser Art deuten darauf hin, dass die Personen, deren Skelette man in der Jungfernhöhle fand, nicht nur eines gewaltsamen Todes gestorben sind. Es wurden Ihnen auch die Köpfe abgetrennt und an der linken Schläfenseite geöffnet, um daraus das Hirn zu entnehmen. Die Körper wurden regelrecht zerlegt, kaum anders, als bei Beute-, Schlacht- oder Opfertieren.

Man stellte auch fest, dass an allen Unter- und Oberkiefern die einwurzeligen Zähne also die Vorderzähne entfernt worden sind und zwar ohne Verletzung der Zahnfächer oder Abbruch der Zahnkronen. Bei der festgestellten Zertrümmerung der langen Körperknochen wurde offensichtlich versucht, das Knochenmark zu entnehmen.

Medizinisch interessant ist ein in der Jungfernhöhle gefundener Unterarmknochen, dessen Elle einen in sehr guter Stellung verheilten Schrägbruch zeigt, der ohne eine sachgemäße Schienung sicherlich nicht zu einer so glatten Heilung gekommen wäre.

Kulturgeschichtlich bietet sich für die Funde aus der Jungfernhöhle folgende Erklärung an:

Was die Jungfernhöhle so bedeutungsvoll macht, ist die Tatsache, dass seltsamerweise Name, Sage und archäologischer Befund übereinstimmen. Es ist also wahrscheinlich, dass die Erinnerung an Geschehnisse vor einigen Tausend Jahren durch eingesessene Bevölkerungsgruppen bis in die Gegenwart überliefert worden ist.

Vor etwa 4000 bis 5000 Jahren wurden im Hofbauernholz bei Tiefenellern einer uns unbekannten Gottheit Menschenopfer dargebracht.

Nach gewaltsamer ritueller Tötung wurden die Körper zerlegt und sehr wahrscheinlich Teile davon kultisch verzehrt. Dabei könnten die eigenartigen Knochenstäbchen im Sinne von „Essstäbchen" eine besondere Rolle gespielt haben.

Im Anschluss an kultische Opfer wurden Körperreste sowie verwendete Gefäße und Gerätschaften in die Höhle hinabgeworfen.

Das Beispiel der Jungfernhöhle zeigt, dass die Vergangenheit noch lebendig ist und uns Lebende verpflichtet, die Erinnerung an sie zu erhalten und an die Nachwelt weiterzugeben.

Die Geschichte der Jungfernhöhle zeigt darüber hinaus, dass es sich lohnt, Sagen und Legenden auf den Grund zu gehen.

Funde aus der Jungfernhöhle sind im Besitz des Historischen Vereins Bamberg. Die interessantesten Stücke werden im Historischen Museum gezeigt.

Das restliche Fundmaterial aus der Höhle lagert in den Magazinräumen des Historischen Vereins in der Bamberger Neuen Residenz. 

 

Von Victor Harth (Naturforschende Gesellschaft Bamberg)

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