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Gemeinde Litzendorf  |  E-Mail: gemeinde@litzendorf.de  |  Online: http://www.litzendorf.de/

Die "Fränkische Toskana"

Blumenwiese

Gerhard C. Krischker

Das Ellertal

Meine fränkische Toskana (1)  

Schon beim Gedanken an die Toskana bekommen die meisten Reisenden glänzende Augen und im Geiste sehen sie gleich eine sanftgewellte Landschaft.

Zypressen, die Akzente setzen. Sie denken an den köstlichen Chianti-Wein und an Bistecca fiorentina und an das unentbehrliche, grünschimmernde, kaltgepreßte Olivenöl, bis ihnen das Wasser im Munde zusammenläuft und die nächste Reise in die Toskana nur noch eine Frage des Wann ist..."

So der Originalton einer Werbeschrift des Touristeninformationsbüros Florenz.

Schon beim Gedanken an das Ellertal bekomme ich glänzende Augen, und im Geiste sehe ich gleich eine sanftgewellte Landschaft, Obstbäume, die Akzente setzen. Ich denke an das köstliche Bier, an Preßsack und Ziebeläskäs, an den unentbehrlichen, glasklaren, hausgebrannten Zwetschenschnaps, bis mir das Wasser im Munde zusammenläuft und die nächste Fahrt ins Ellertal nur noch eine Frage des "Wann" ist. 

 

Landschaften mögen Vergleiche

"Städte mögen Vergleiche" - eine nur auf den ersten Blick oder Ton lapidare - im wahrsten Sinn des Wortes - Feststellung meines Feuilletonmeisters und -lehrers Wolfgang Buhl.

Städte mögen Vergleiche - Landschaften auch und meine braucht keinen zu scheuen. Mag anderen etwas spanisch vorkommen, mir kommt diese Gegend italienisch vor, mich mutet sie wie eine geografische Übersetzung oder besser gesagt Übertragung aus dem Italienischen an, und längst habe ich mein Ellertal in Valle Ellero und seinen Hauptort Tiefenellern rückübersetzt in Basso Ellero. Das könnten doch alles Bilder und Szenen aus der Toskana sein:

 

Die Sanftheit der Hügel, das Blau-Weiß des sommerlichen Himmels, die großen Rapsfelder, die wie zum Trocknen hingelegte Tücher auf den Hängen liegen, die vielen Obstbäume, die sich weigern, Spalier zu stehen, die allumfassende Frömmigkeit dieser alles anderen als gottverlassenen Gegend, die sich in Gott weiß wie vielen Heiligenfiguren, Martern, Feldkreuzen und Kapellchen mani- und coelifestiert, die Wallfahrten und Bittgänge, wo der Glaube noch auf die Straße geht, die Mittagsruhe der Dörfer im Sommer wenn die Tauben im weißen Sand baden, manchmal sogar die Sprache, wenn ich beim Kunnä in Tiefenellern mein Köppela bestell ...

  

Das Ende der Welt 

Waren Sie schon einmal am Ende der Welt? Ich schon. Sogar zweimal. Im Schloßpark von Schwetzingen darf man hinter einem Türchen stehend, aus gebührendem Abstand einen Blick darauf werfen. Am Ende einer Allee, die immer enger zu werden scheint, liegt eine lichtüberflutete paradiesische Landschaftsidylle, die man erst, wenn man hinter das Ende zu treten wagt, als gemalte und von einem Scheinwerfer im doppelten Sinn angestrahlte Scheinwelt entlarven kann. Denselben Blick, durch kein Tor versperrt, aber genauso unwirklich schön, doch in natura, hat man, wenn man sich meinem Ellertal nähert. Das erste Mal eröffnet er sich gleich hinter der Kunigundenruhkurve, das zweite Mal, wenn man Litzendorf hinter sich läßt. Ein Maler müßte man sein, denn diese Landschaft ist ein Bild von einer Landschaft. Hier stelle ich sie hin, meine imaginäre Staffelei, gleich hinter dem Ortsschild und will zu malen beginnen. Aber sofort spüre ich, dass es ungemalt bleiben wird, mein Ellertalbild, denn die Leinwand ist viel zu klein, als dass sie diese Ansicht panorahmen und fassen könnte. Und auch die Farben. Obwohl ich mische und mische, das Grün der leicht gelbdurchwirkten Rapsfelder will mir nicht glücken. Auch nicht das Zartrosaweiß der Kirschbaumwattebüschel, das Schlohweiß der Schlehen und schon gar nicht das Rötlichgrünbraun der haarsträubenden Weidenköpfe. Wie bring ich nur den gelbfeinen Unterschied zwischen Löwenzahn, Troll- und Sumpfdotterblumen hin? Wie bläue ich diesen Himmel? Wie wollen die Wolken geweißelt sein? Schon zuviel Deckweiß hab ich verdrückt, viel zu viel rum- und zugespachtelt, als könnte mein Bild noch die heitere Luftig- und Leichtigkeit dieser Landschaft widerspiegeln. Ich packe sie zusammen und ein, meine Staffelei, und male das Bild weiter in meinem Kopf. Ein Musiker müßte man sein, denn voller Musik ist diese Landschaft, in die ein gottbegnadeter Komponist so viele Kreuze eingezeichnet hat, in der es so viele Kapellen gibt - nein, nicht die Lohndorfer Blasmusik und auch nicht die Ellertaler Musikanten. Wie Notenzeilen sehen sie aus, die schwarzen Drähte der Stromleitung, wie weiße Notenköpfe die Schöpfe der blühenden Obstbäume zwischen und auf der dünnen Lineatur und darüber die sanftgewölbten Ligaturen der Berge und Hügel.

 

Wie in einem Kanon fällt ein Bergbogen in den anderen, hält jeder seine Stimme, ist jeder immer zu sehen und zu hören, auch wenn er von einem oder anderen über- oder verdeckt zu werden droht. Nichts Lautes, nichts Schräges, kein Mißton schleicht sich ein, höchstens die von Menschenhand falsch gesetzte viereckige Note eines Wasserbehälters. Dazwischen und darüber erhebt sich, sich korkenziehernd in die Lüfte schraubend, der Gesang einer Lerche. Viel helles, luftiges, duftiges Laubwalddur klingt durch, dann und wann unterbrochen, um eine andere Klangfarbe ins Spiel zu bringen, von ein paar Tupfern dunklen Tannenmolls. Gegen Ende zu wächst, schwillt alles noch einmal, ohne zu kräftig zu wirken, an, um am Schluss sanft auszuklingen in einer Harmonie, deren nie endenwollendes -nie, -nie, -nie wie ein ewiges Echo nachtönt.

Ein Dichter müßte man sein, denn diese Landschaft ist ein Gedicht. Viele haben es versucht, diese Landschaft zu verdichten, sie in Worte zu kleiden - Dichtung kam selten dabei heraus, ziemlich lumpig fielen sie aus die Versuche, statt Strophen nur Katastrophen:

 

Im Tale wo die Eller fließt

da muß es herrlich sein

der Eulenstein grüßt weit ins Tal

und lädt die Wanderer ein.

Greif frohgemuth zum Wanderstab

umringt von grünen Höhn

die Jungfernhöhl mit ihrem Charm

die muß man einfach sehn:

Heidi heidi heido heida:

Und nicht vergessen auszuruhn

am hohen Eulenstein

dies Kleinod und die Ruhe hier

gemütlich muß es sein.

Drum kehren wir in Ellern ein

beim Stammtisch soll es sein

die "Guten Freunde" und das Bier

beim Abend-Sonnenschein:

Heidi heido heidi heida.

 

Nur einem ist es gelungen, in einem bloßen Schwarz-Weiß-Bild, sie einzuzäunen, diese Landschaft, sie mit winzigen Spuren von Tinte und Tusche zu zeichnen. Hier im kleinen Ellertal muß Hans Magnus Enzensberger - so will ich es - seinen fränkischen Kirschgarten und den richtigen Ton dafür gefunden haben:

 

 

fränkischer kirschgarten im Januar

1

was einst baum war, stock, hecke, zaun:

unter gehn in der leeren schneeluft

diese winzigen spuren von tusche

wie ein wort auf der seite riesigem weiß:

weiß zeichnet dies geringfügig schöne geäst

in den weißen himmel sich, zartfingrig,

fast ohne andenken, fast nur noch frost,

kaum mehr zeitheimisch, kaum noch

oben und unten, umsichtig

die linie zwischen himmel und hügel,

sehr wenig weiß im weißen:

fast nichts –

 

2

und doch ist da,

eh die seite, der ort, die minute

ganz weiß wird,

noch dies getümmel geringer farben

im kaum mehr deutlichen deutlich:

eine streitschar erbitterter tüpfel:

zink-, blei-, kreideweiß, gips,

milch, schlohweiß und schimmernd

 

jedes von jedem distinkt:

so vielstimmig, so genau,

in hellen gesprenkelten haufen,

der todesjubel der spuren:

wieviel büschel von winzigen weißen

schreien

vor der gähnenden siegerin ewigkeit!

 

3

zwischen fast nichts und nichts

wehr sich und blüht weiß die kirsche. 

 

Pödeldorf, Naisa, Litzendorf

Schön sind sie nicht mehr, die Ortschaften des Ellertals. Zu viele Wunden hat man geschlagen und der graue Verband des Asphalts deckt mehr auf als zu. Das Rauschen der Autos übertönt das der Eller, die man, wie sie sich auch dreht und windet, immer wieder in ein Betonkorsett zwängt. Grauer Beton gibt den Ton an, weißer Putz ist alles andere als putzig. So paradox es klingt, schöner werden die Dörfer immer dann, wenn sie ihr Hinterteil zeigen und besonders am Morgen, wie jetzt, wo ich mit den beiden Söhnen der Brauerei Post aus Tiefenellern Bier ausfahre. Jetzt gewähren sie einen Einblick in ihre Morgentoilette, jetzt zeigen sie sich im Morgenmantel, ungeschminkt und noch ein bißchen verschlafen und wirken auf einmal viel, viel schöner.

 

Nur Pödeldorf, unser erster "Anfahrtsort", wird auch im verklärenden Dunstlicht der Frühe nicht hübscher. Ich weiß nicht, ob es den Witz schon gibt - ein leerer Ort im doppelten Sinn, denn hier haben sich viele Bamberger Lehrer ihr Häuschen, aus dem sie nur am Wochenende und in den Ferien geraten, hingestellt. "Hypothekenhügel" witzelt der Kunnä, als wir mit dem alten blauen Lieferwagen den Berg mit den Neubauten hochzockeln.

 

Mein alter Griechisch- und Lateinlehrer wohnt auch hier, fällt mir bei "Hypothek" ein, und seine lateinische Lieblingssentenz "nomen est omen", die ich bis heute nicht mit drei Worten übersetzen kann. Bei ihm müssen wir nicht halten, er trinkt bestimmt gar nicht oder - nomen est omen - nur aus der Römerquelle. Das Haus mit dem lateinischen ,,fai obbochd" vor dem Hund "Cave canem" gehört sicher ihm, denn das Schild "Warnung vor dem bißla Hund", vor dem wir gerade stehen, hätte er sich sicher verkniffen.

 

Der Kunnä und der Fonsä teilen sich ihre Kundschaft: die linke Straßenseite bedient, weil er am Steuer sitzt, der Kunnä, die rechte der Fonsä. "Eine tolle Truppe" lobt eine Hörerin gerade das Team von Bayern 3, das der Kunnä viel zu laut laufen läßt; das denke ich auch von den beiden Hönigsöhnen: Gekonnt und fast elegant wuchten sie die blauen Kästen auf und in den Laster, tragen sie der Kundschaft oft bis in den Keller oder in die Küche, geben, wenn jemand, was gar nicht so häufig vorkommt, zuhause ist und bar bezahlt, nicht nur das Wechselgeld heraus, sondern noch ein Lächeln und ein paar freundliche Worte dazu. Die sich das Bier in Tiefenellern selbst abholen, bekommen stattdessen ein Fläschla extra draufgelegt. 15 Mark kostet der Kasten und das Geld liegt bei denen, die nicht zuhause sind, an den wunderlichsten Stellen: in und unter Blumentöpfen, in Plastikbeuteln und -tüten, auf Autoreifen, unter Steinchen, Treppen und Fußabstreifern.

 

Fast lässig schiebt der Fonsä den immer dicker werdenden Geldbeutel in die enge Gesäßtasche seiner Jeans. Als wir zum Haus meiner Namensvetterin kommen, muß auch ich raus, bestimmen sie, der Krischkä bringt der Krischkä an Kastn, naa zwaa - Preußn trinken mehr. Sie wissen viele Geschichtchen, auch Bettgeschichten, und als ich, weil ich gerade den Playboy-Häschen-Aufkleber an unserer Windschutzscheibe entdecke, frage, ob ihnen von den vielen alleinstehenden und häufig nur im Morgenmantel vor die Tür kommenden Damen schon einladende Angebote gemacht worden sind, lachen beide nur eindeutig zweideutig.

 

Alles ist neu in Pödeldorf, die Häuser, die Kirche, die Wirtschaft, die Reichen. Selbst der gute alte Ortskern läßt sich nur noch schwer finden. In der Schulthesgasse - nomen est omen - vielleicht, wo wie in einem alten Dorf Betten- und Bratengerüche aus den Fenstern hängen. Auch wir bekommen Hunger und ich werde vom Fonsä zum Brotzeitholen geschickt, in die Metzgerei Schäfer. Vier Brötla mit Bierschinken - nomen est omen - verdrückt er im Auto. Weil der Schlotfeger gerade vorbeikommt und durstig ist, wird ein Kasten angerissen und auch ich bekomme ein Fläschla. Der Kunnä sitzt hungrig und durstig daneben. Ihm ist die Wurst nicht wurst, die beim Lunz in Litzendorf schmeckt ihm besser. Vielen schmeckt offensichtlich auch hier das Tiefenellerner Bier besser, denn auch in Naisa haben wir viel zu tun.

 

Eigentlich - nomen est omen - müßten ja hier wegen des netten Ortsnamens viele Amerikaner wohnen und nicht - nomen est omen - "Am Bärenhäuter" in Pödeldorf, das und sein "nomen est omen" wir nun endgültig verlassen wollen und haben.

 

Aber Naisa ist alles andere als nice. Nicht nur die kurvige Hauptstraße verjüngt sich in der Ortsmitte, der ganze Ort hat sich bis zur Unkenntlichkeit verjüngt. Den Holzwegen, die man begangen hat bei der Modernisierung des Dorfes, hat man hier in Form von Straßennamen "Denkmäler" gesetzt: Erlenweg, Birkenweg, Wiesenweg, Mühlwiesen, Weingarten. Die Straßennamen erinnern an das, was und wie es einmal war, wie die Bemalungen an den modernen Häuserfronten verraten, welch schönes altes Haus hier früher gestanden hat. Nur oben auf dem Berg hat man einen wunderschönen Blick - very nice - hinüber auf Melken- und Schammelsdorf und unten im Tal darf die Eller noch einmal ganz kurz das lustige Bauernmädchen von einst sein und in der Wiese herumtanzen.

 

Bestimmt hat der Tanzwiesenweg in Litzendorf, wo wir jetzt sind, seinen poesievollen Namen nicht daher - einen Kirchweihtanz hab ich vor Augen, Ohren und Mund wie auf Breughelschen Bildern. Jetzt läßt sich's auch der Kunnä munden: mit Leberwurst und Schinkenbrötla. Seltsam, denk ich für mich, da haben sie daheim in Tiefenellern die beste Wurst und das beste Brot und dann kaufen sie sich in fremden Metzgereien die Brotzeit. Auswärts schmeckt halt doch alles besser, merk auch ich und mach mit dem Kunnä mein zweites Frühstück und einen Streifzug durchs Dorf. Zwei Gebäude stechen ab und ins Auge: die schöne Kirche mit den eigentümlich goldgelb leuchtenden Sandsteinquadern und das schmucke barockisierende Pfarrhaus. Ein selbstgetippter kleiner Kirchenführer, der wie eine Kugelschreiberschrift mit ihrem hilfesuchenden "Wo bitte" verrät, öfters vergriffen zu sein scheint, gibt kurz und goldig Auskunft.

 

Während ich lese, kommen Mütter und Großmütter mit ihren Kindern und Enkeln herein, tupfen artig ins Weihwasser und deuten dann mit feuchten Fingern auf Fotos, die sie als Bräutla und - wie heißt eigentlich das bübische Gegenstück dazu? - bei der Erstkommunion zeigen. Auch an ihren Namen kann man den Bruch zwischen alt und neu ablesen: Tamara, Carolin, Doreen, Carina, Nadine heißen die einen, Georg, Sebastian, Josef, Lorenz, Leonhard, Alfons und Konrad die anderen. Mein Gott, beinahe hätte ich sie vergessen, meinen Fönsä und Kunnä. Aber da steht sie schon vor dem Kirchenportal, unsere alte blaue Bierkutsche, die auf den Namen Iveco hört und mit der wir - ich beachte noch schnell den Wenzeslaus am Rathaus - heimwärts rattern, schön vorsichtig, dass es uns jetzt, wo wir alles ausgefahren haben, nicht so geht wie dem Nitroglycerinfahrer Mario aus dem Leinwandklassiker "Lohn der Angst" und wir - ein allerletztes "nomen est omen" - kurz vor Lohndorf aus der Kurve oder in die gute Ellertaler Luft fliegen ... 

 

Kleines Lohndorfer Zwischenspiel

Ein Wunder: Er ist aufgeschlagen, der Orgelprospekt der Lohndorfer Kirche. Ich sehe nicht nur die sichtbaren Teile des Orgelgehäuses, sondern auch die an sich unsichtbaren. Die Orgel wird generalbassüberholt. Die Orgelpfeifen liegen wie Orgelpfeifen auf den Kirchenbänkchen. Kalt ist's und die großen Pfeifen kommen mir vor wie silberne Ofenrohre. Überhaupt mutet sich das Kirchlein an wie ein göttliches Wohnzimmer aus deutscher Eiche. Im "Flurumgang" liegt wie im elterlichen Korridor ein roter Kokosläufer. Nur der Altar bleibt auf dem Perserteppich. Wie unsere beste Festtagstischdecke liegt ein weißes Tuch darüber mit der inbrünstigen und ein wenig infantilen Stickerei: Du meine Mutter, ich dein Kind. In einer Woche ist Muttertag. Ansonsten ist trotz des matten Goldes vieles goldig. Die Heiligenfiguren sehen aus wie Schnitzer eines Oberammergauer Schnitzers. Kein Wunder, daß einer der letzten Pfarrherrn unter Berufung auf das Zweite Vatikanische Konzil wenig konziliant sie allesamt ins Diözesanmuseum depotierte.

 

Aber das soll ich auf keinen Fall schreiben, bittet mich der Kirchenvorsteher, der mit seinem Schlüsselbund aussieht wie Petrus und auch nicht, daß der geistliche (Un)Rat Pflaum hieß und auch nichts von Lohndorfs größter Sensationsgeschichte, dem grausamen Mord aus dem Jahr 1897, von dem die Bamberger Neuesten Nachrichten bildzeitungsartig berichteten - eine 28 cm lange handbreit klaffende Wunde hatte das Opfer dieser Familientragödie, weswegen die Lohndorfer in den umliegenden Dörfern immer noch "die Halsabschneider" heißen.

 

Mittlerweile stehe ich auf dem Empörlein, lausche dem fränkischen Orgelbauerlatein: Des ef stimmt net, die Quint is zä schnell, des e a bissla langsomä, die Terz aa. Manchmal klingt es wie ein himmlisches SOS, ihr Orgelprobespiel, manchmal könnte man auf ihren Tonleitern in den Himmel klettern. "Wos kostn so a Orgel hoitzädooch?", fragt ein bißchen pharisäerisch - als berechne er den Preis der ausgewechselten Pfeifen – mein Lohndorfer Petrus. 150 000, schätzt der Stimmer, und anstatt mit dem Hammer zuzuschlagen, läutet er eine Glocke, die früher dem Mesner signalisierte, den Blasbalg schneller und stärker zu treten, wenn für das Brausen des klerikalen Rausschmeißers "Großer Gott wir loben dich" mehr Wind gemacht werden mußte. 

 

Meine fränkische Toskana (2) 

Der Kirchenvorstand hat mich offensichtlich in sein Herz geschlossen. Er schließt mir die Andreaskapelle auf, die jetzt als Leichenhalle genutzt wird - eine überdimensionale Gefriertruhe, er geht mit mir ins ehemalige Schulhaus, blättert in der wie ein großes Schulbuch an der Wand hängenden Chronik, zeigt mir auf vergilbten Klassenfotos den jungen Leonhard Reh und den alten Lehrer Vogel mit Hund, erzählt, dass früher den Kindern aus Tiefenellern für den winterlichen Schulweg heiße Kartoffeln in den Mantelsack gesteckt wurden, um sich bei eisiger Kälte daran zu wärmen, führt mich mit dem Finger durchs alte Dorf, deutet hinüber ins Lohntal auf eine unsichtbare rote Tür, dem ehemaligen Eingang zu einer unterirdischen Wasserleitung, die zu fürstbischöflichen Zeiten Teich, Brunnen, Fontänen und Kaskaden von Schloß Seehof speiste und heute die Memmelsdorfer Bürger mit köstlichem Bergquellwasser versorgt. Er führt mich in seine Namensvetternwirtschaft und Brauerei, schenkt mir ein frisches Rehbier ein und klaren Wein über sein Lohndorf. Als Vorsitzender des Vereins für Gartenbau und Landschaftspflege sieht er mehr die Splitter im Dorfauge als die sich biegenden Balken. Der Wohnwagen eines Bamberger Lehrers, der den Blick auf die träumerische Bucheneinsamkeit des Stammbergs verstellt, stört ihn mehr als die unvollendete Tatsache, daß die schönsten Fachwerkhäuser Lohndorfs mittlerweile wie Fremdkörper wirken. Nullachtfünfzehn, bzw. 60/61er Einfamilienhäuser hat man ihnen vor den bröckelnden Putz geknallt.

Wie alte zahnlose ausgediente Köter liegen sie hinter den modernen Wohnhütten ihrer Besitzer und warten weniger ungeduldig als ihre Herren und Frauen auf ihren Gnadentod. Den Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden" haben die wenig schmucken, dafür aber blumengeschmückten neuen Häuser schon öfters gewonnen, den Wettlauf mit der Zeit haben die alten längst verloren.

 

In der Festschrift zum 70. Jubiläum des Gartenbauvereins im Jahr 1980 schrieb der damalige Chronist: "Die schöne Umgebung und die interessante ehemalige Kirchenburganlage, um die sich die Wohnhäuser scharen, lassen am Ende den Schluß zu: Ein Besuch in Lohndorf lohnt sich." Zum 80jährigen Jubiläum hat sich der damalige Chronist nicht mehr geäußert. Aus guten Wiesengründen nehme ich an. Vielleicht wollte er auch seinen Bericht nicht fortschreiben. Er hätte nur drei Wörter hinzufügen müssen: bald nicht mehr.

 

Auf dem spätgotischen Flügelaltar der Pfarrkirche, mit dem rührenden Abschied der Apostel, wischt sich einer, der aus Lohndorf hinaus gesandt werden soll in die weite Welt, ein bißchen ungelenk mit dem Hand- und Gewandrücken eine Träne aus dem Auge.

 

Ob er's heute noch täte'!

 

Der erste Sommerfrischler: Johann Lukas Schönlein

Der Blick auf die Lohndorfer Mühle - wie gemalt oder, um im Bild zu bleiben, wie gemahlen. Wie eine Katze streiche ich diagonal durch die Wiese hinunter zum schwarzweißen Fachwerkbau. Es ist Mittag. Siesta im Valle ellero. Der Mühlbach murmelt sich in den Mittagsschlaf. Kein Hund bellt, kein Hahn kräht, nur das Kreischen einer Kreissäge zerschneidet die Stille. Das Mühlrad klappert schon längst nicht mehr sein Romantik-tak. Es und die Zeit stehen still. Der Himmel schüttelt weiße Kopfkissen auf. Die Wiese: eine grüne Matratze mit Löwenzahnmuster. Ich leg mich hinein, schau mit leicht geschlossenen Augen in die Sonne und beginne zu träumen: 'Ein junger Mann erscheint im feinsten Kostüm, in weißen Strümpfen und schwarzen Schuhen, plissierten Manschetten, ganz beaux frais mit lockigen Haaren, einer feuerroten Nase und geröteten Wangen, überspringt galant den Mühlbach, setzt sich ans Ufer, zieht sich Schuhe und Strümpfe aus, krempelt die Beinkleider hoch und stellt sich spreizbeinig ins kalte Bächlein. Immer wieder fahren seine feinen Hände ins Wasser. Leise Fluche fallen, manchmal schüttelte ihn ein Hustenanfall. Hin und wieder redet er mit sich selbst, eher leis als laut, als könne er jemanden wecken oder vertreiben. Manchmal klingt es wie Latein, manchmal wie eine italienische Liebesbezeugung, wie zum Beispiel jetzt, als er sich über eine Dotterblume beugt und ihr fast zärtlich den Blütenkopf streichelt. Dann und wann legt er vorsichtig und beinahe liebevoll etwas in ein mitgebrachtes Glas oder in seine Botanisiertrommel. Einmal hält er eine Pflanze theatralisch vor sich hin, träufelt Wasser über sie und ruft pathetisch: "Ich taufe dich auf den Namen Equisetes Schoenleinii palustre..." Nein, nicht seine Stimme, die Kirchenglocken der Pfarrkirche "Mariä Geburt" zerreißen die Stille und meinen Traum. Fort ist auch der junge schöne Mann, der als der weltbekannte Arzt, Professor und Begründer der modernen naturwissenschaftlichen Medizin Johann Lukas Schönlein zurückkehren sollte. Wie aber kommt Johann Lukas Schönlein in meinen Traum und an den Lohndorfer Mühlbach?

 

Am 4. Februar 1793 heiratet die zweitälteste Tochter des Lohndorfer Müllermeisters Jakob Hümmer, Margarethe, in der Martinskirche zu Bamberg den wohlhabenden Hofseilermeister Thomas Schönlein. Am 30. November bringt sie als erstes und einziges Kind den Knaben Johann zur Welt. Mutter Schönlein, die als schöne, schlichte Bürgersfrau voll Lebendigkeit und Verstand geschildert wird, liebte ihren Sohn, der körperlich und seelisch große Ähnlichkeit mit ihr gehabt haben soll, über alles und nahm großen Einfluß auf seine Erziehung. Sie war es auch, die gegen den Willen ihres Manns, der Johann gerne als Nachfolger seines alteingesessenen Seilergeschäftes gesehen hätte, durchsetzte, daß Hans das Alte Gymnasium besuchen durfte. In den Ferien schickte die besorgte Mutter aus Angst, der Junge könnte wie ihr Vater und später auch ihr Mann am sogenannten Seilerhusten, einer durch Seilstaub hervorgerufenen Lungenerkrankung, enden, ihren Sohn hinaus zu den Eltern nach Lohndorf, damit er dort die gesunde Ellertaler Landluft genießen könne.

 

Doch Johann genoß nicht nur das Landleben. Angeleitet von seinem alten Volksschullehrer, entdeckte der Seilersohn seine Liebe zur Natur und zu deren Wissenschaft. Auf Streifzügen durch das Ellertal und den Jura sammelte man seltene Pflanzen. Versteinerungen, Tiere und Insekten. Auch später noch, als Johann Schönlein schon in Landshut und Würzburg studierte, kehrte er in den Semesterferien immer wieder nach Lohndorf zurück. Professor Rudolf Virchow berichtet, von seinem Lehrer Schönlein "erfahren zu haben, dass der Pfarrer von Lohndorf dem jungen Schönlein ein kleines Zimmer in seinem Pfarrhaus eingeräumt hatte, in dem der wissbegierige Medizinstudent Frösche und Eidechsen sezierte. Es gab natürlich eine Szene und die Besuche des Studenten wurden von da ab selten..“

 

Seltener wurden Schönleins Besuche in Lohndorf auch deshalb, weil der junge Mediziner, der 1816 in Würzburg promoviert und ein Jahr später sich habilitiert hatte, bald als hochbegabter Arzt und Wissenschaftler an deutschen Universitäten und sogar am Königlichen Hof - Friedrich Wilhelm IV. von Preußen ernannte ihn zu seinem Leibarzt - ein gefragter Gast war. Schönlein war der erste deutsche Mediziner, der neben der pathologischen Anatomie Mikroskop, Hörrohr und Reagenzglas zur Diagnose von Krankheiten einsetzte und so völlig neue Wege in der Medizin beschritt. Entschieden rückte er "von dem Nebel der bis dahin geltenden mystischen Naturphilosophie in der Medizin" ab und wandte sich der naturwissenschaftlichen und naturhistorischen Forschung im medizinischen Bereich zu. Einen Namen als Mediziner und Naturwissenschaftler machte er sich vor allem auch durch die Entdeckung zahlreicher bis dahin uner- und unbekannter Krankheiten und unbestimmter Pflanzen, die heute noch seinen Namen tragen wie unter anderem der nach ihm benannte Schachtelhalm Equisetes Schoenleinii Sternberg.

 

Doch nicht nur Schönleins wissenschaftliche An- und Einsichten waren progressiv, auch seine politischen. Als liberal gesinnter Republikaner machte er sich bald verdächtig und schließlich entzog ihm König Ludwig seine Würzburger Professur. Um der drohenden Verhaftung zu entgehen, flüchtete Schönlein nach Frankfurt und eröffnete dort eine Praxis. Als 1833 ein Ruf als Professor für Medizin von der neugegründeten Universität Zürich an ihn erging, nahm er diesen ohne Zögern an. Die Züricher Universität war zum Zufluchtsort radikaler Demokraten geworden, die Zensur- und Untersuchungskommission verdächtigte sie als "Sammelplatz der Anarchisten und Revolutionäre". Zu den "Säulenheiligen" dieser umstürzlerischen Alma mater zählte außer Schönlein vor allem der Mediziner und Schriftsteller Georg Büchner, der auf seinem Krankenbett, das bald ein Sterbebett werden sollte, Johann Lukas Schönlein um ärztlichen Beistand bat...

 

Die Glocken von Mariä Geburt sind verstummt, verschwunden ist auch der schöne Jüngling. An seiner Statt sitzt ein Mann in der Blüte seiner Jahre am Ufer des Mühlbachs, ein schmales Oktavheft in seinen feinen Händen: Georg Büchner - Leonce und Lena. Eher leise als laut und fast andächtig liest er - als läse er jemandem vor:

 

"VALERIO. Nun, so wollen wir von etwas anderem reden. (Er legt sich ins Gras). Ich werde mich indessen in das Gras legen und meine Nase oben zwischen den Halmen herausblühen lassen und romantische Empfindungen beziehen, wenn die Bienen und Schmetterlinge sich darauf wiegen wie auf einer Rose.

 

LEONCE. Aber Bester, schnaufen Sie nicht so stark, oder die Bienen und Schmetterlinge müssen verhungern über den ungeheuren Prisen, die Sie aus den Blumen ziehen.

 

VALERIO. Ach Herr, was ich ein Gefühl für die Natur habe! Das Gras steht so schön, dass man ein Ochs sein möchte, um es fressen zu können, und dann wieder ein Mensch, um dem Ochsen zu essen, der solches Gras gefressen." 

 

Post-Scriptum:

Beim Hönig 

Einen Ochsen zu essen, in Form eines Rinderbratens, kostete in der Brauereigaststätte "Zur Post" in Tiefenellern 1965 zur Kirchweih 3,50 Mark - les' ich auf einer mit Afri-Cola-Palmen verzierten Speisekarte, als ich in alten Papieren, Fotos und Dokumenten der Gastwirtschaft Hönig blättere. Viel teurer kann's 1973, als die erste, nein nicht urkundliche, Erwähnung der Post durch Freunde geschah, auch nicht gewesen sein: Sie hatten hier zwanzig Mann und Frau hoch ihre Verlobung gefeiert und dafür - das wissen sie noch heute - 83 Mark bezahlt und großzügig 2 Mark Trinkgeld gegeben. Seitdem bin auch ich Stammgast bei der Post-Bräu, seitdem singe auch ich mein Loblied auf diese Wirtschaft.

 

Manches hat sich geändert seit meinem ersten Besuch beim Hönig, manches ist noch so, wie es war. Verändert, oder um es härter zu sagen, nicht mehr wiederzuerkennen, ist auch in nüchternem Zustand die Gaststube, die damals tatsächlich noch eine Stube war. Viel zu klein, viel zu eng, viel zu niedrig, viel zu gemütlich. Und immer voll und trotzdem bekam man immer einen Platz. Mann und Frau rückte dann eben zusammen, noch mehr wurden auf die unbequemen, weil viel zu hohen Bänke geschoben, manchmal mußten sich zwei Hintern einen unbequemen, weil viel zu niedrigen Stuhl, teilen. Und der viel zu hoch und schräg hängende Spiegel machte jedesmal ein Familienfoto.

 

Die Luft war zum Schneiden, was mit den Hönigschen Messern ein Kunststück war, die Entlüftungsanlage machte ihrem Namen nur wenig Ehre und genauso wenig Wind. Laut war es, aber trotzdem konnte man noch das Knarren der Dielenbretter hören.

 

Am schönsten war's im Winter, dann wurde aus der Hönigschen Wirtsstube eine Ellersche Rockenstube, wie sie Georg Schick in seinem Salbuch aus dem Jahr 1795 beschreibt: „Für den Winter kamen dann die langen Nächte der Unterhaltung der Jugend, die Rockenstuben. In drei bis vier Bauernhäusern kamen die jungen Leute zusammen, die Mädchen teils mit dem Spinnrad, teils mit dem Strickstrumpf. Während die Mädchen spannen und strickten, unterhielten sich die Burschen mit allerlei Spielen: Strangziehen im Genick, Fingerhakeln, Faustschieben. Alte Lieder wurden gesungen, Hexen- und Schauergeschichten erzählt. Zum Schluß wurden zu den Klängen einer Mundharmonika getanzt: Walzer, Schleifer, Dreher, Betlmarla, Kußwalzer..." Ein wenig ungemütlich wurde es nur, wenn man ins Nebenzimmer mußte. Was half's, daß der Kunnä Briketts und Buchenscheite in den bullernden Ofen warf. Kalt blieb's trotzdem und man fühlte sich immer - auch wegen des gerollten Musters an den krummen Wänden - an den elterlichen Korridor erinnert und wer sitzt schon gern im Ern. Und zum Schluß, bevor man ging, bereute man am Jacken- und Mantelberg der einzigen Garderobe, so ziemlich als erster gekommen zu sein.

 

Dagegen ist die jetzige neue Gaststube seit dem Umbau von 1988 eine räumliche und akustische Halle im lautesten Sinn des Wortes. Die alte Stube hat man ein bißchen deplaziert und museumsunreif an den Nagel und die Wand gehängt. Die alte Uhr hat recht und sich gerächt: Sie ist einfach stehen geblieben - zehn nach vier.

 

Fünf vor zwölf ist es sicher nicht für die "Wirtschaft zur Post" und auch ich weiß, daß die Zeit nicht stehenbleibt und man die Uhr nicht zurückdrehen kann. Ich versteh auch die Hönigs, vor allem die Jungen - der Peter und Fonsä hängen mit ihrem Vater und ihren Meisterbriefen wie eine Brauereidreifaltigkeit an der noch immer viel zu weißen Wand -, dass sie ihn weiter- und fortführen wollen, den elterlichen Betrieb, bloß viel weiter dürfen sie nicht mehr gehen, weiter fort führen dürfen sie ihn nicht, denn sonst erkennt man die Alte Post, die früher, bevor der Hönig 1914 Station der Motorpostlinie Tiefenellern - Bamberg wurde, und sich deshalb umtaufte, "Zum Stern" hieß, nicht mehr wieder und es wird aus der Wirtschaft wirklich nur noch ein Betrieb.

 

Aber da ist der Konrad davor, den alle nur "Kunnä" rufen, einige Eingeweihte analog zu seinem Bruder Fonsä "Sponsä", denn er unterstützt mit seinen Trink- und Eßgeldern den Basketballclub eines Orts in der Umgebung. Er gehört nicht nur dazu, er verkörpert im doppelten Sinn den "Hönig". Wenn ich mich mit Freunden verabrede, dann wollen wir nicht zur "Post" oder zum "Hönig", wir gehen oder fahren zum Kunnä, der alle Sonderwünsche erfüllt, der halbe Rouladen und nach eigener (Damen)Wahl zusammengestellte Hausplatten ermöglicht, der so tut, als hätte ein Brotlaib mindestens vier Köppela, der den Kindern öfters ein Eis spendiert, den Männern selten einen Schnaps und am Ende im Kopf und in Geistesblitzeseile alles zusammenrechnet und viel mehr als dreißig Mark kommt niemals heraus, egal wieviel man ißt und trinkt.

 

Leid tut er mir immer ein bißchen - von wegen Bißchen - wenn er im Garten bedienen und die dicken, schweren Teller mit dem verblichenen zartblauen Post-Signet auf- und hinuntertragen muß. Dann bestelle ich, damit er sich nicht so schwer tut, meistens etwas Leichtes: Einen Ziebeleskäs, der hier noch von der Milch aus dem eigenen Stall gemacht wird, und kein Köppela, sondern nur eine Scheibe Brot, das hier noch aus dem eigenen Backofen kommt.

 

Das Bier - zweimal wöchentlich selbst gebraut vom Peter und vom Fonsä - hol ich mir selbst am Clematis-umrankten Ausschankhäuschen. Hier im Garten - was heißt eigentlich Garten - in der Wiese ist es am schönsten, auch wenn die - warum auch immer orangefarben gestrichenen Bänke mehr an Parkbänke im Botanischen Garten erinnern. Hier oben hat man, ob man will oder nicht, immer ein bißchen seine Höh, hier oben ist man immer ein bißchen erhaben, von hier aus schaut man immer ein bißchen herab, auf die, die den Ziebeläskäs sowenig aussprechen wie essen können, und denen der Kunnä mit seinem Ungespundeten ein U für ein Pils vormachen kann. Ob man will oder nicht, immer wieder geht der Blick hinunter zur Wirtschaft, hinauf auf die moospatinierten Hausdächer ohne Antennen, über die inzwischen verstummte Kegelbahn und den Hänsel-und-Gretel-Backofen, hinein in den Heuschober. Hin und wieder wirft eine unsichtbare Riesenhand einen Schwarm Tauben in die Luft, fängt ihn wieder auf, um das Spiel von neuem zu beginnen. Kinder turnen statt auf dem Klettergerüst in den Obstbäumen und auf den Holzstößen oder haben aus den Bierbänken Rutschbahnen gemacht.

 

Heil und unversehrt wie in meiner frühen Kinderzeit fühle ich mich hier. Auch wenn mir ab und zu ein Blatt aus den alten Lindenkronen in den Bierkrug und Rücken fällt - hier bin ich unverwundbar. Himmlisch ist es hier und der bayerische Protectulus auf dem Plakat des Volkstheaters gibt mir recht und prostet mir mit einem überschäumenden Bierkrug zu.

 

Es ist Abend geworden. Die Sonne rollt als roter Ball den Berghang hinunter. Auf einmal bin ich allein. Irgendwer hat die bunte Girlandenschnur angezündet, italienische Nacht. Eine Katze habe ich bei mir sitzen - oder ist es ein Kater? Die Wäsche hängt müde zwischen zwei Stangen wie über einer italienischen Gasse. Die Silhouetten der Holzstöße sehen aus wie die von Geschlechtertürmchen. Aus meinem Bier ist Wein geworden. Aus den offenen Fenstern der Wirtschaft kommen Wortfetzen geflattert. "Solo" glaub ich zu hören, Eine dunkle Gestalt kommt herauf: "Chiuso", sagte einer freundlich, der wie der Kunnä aussieht und führt mich, seinen Arm um mich legend, hinunter zu meinem schwarzen Alfa. Ciao, Basso Ellero, arrivederci, meine fränkische Toskana.

 

Gerhard C. Krischker

(Fränkischer Tag Bamberg: 20./27. Juli 1991)

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